Grundlagen
Integrale Gynäkologie: Der Körper als offenes System
Kennst Du dieses Gefühl? In der Arztpraxis fühlt sich Dein Körper starr und ängstlich an. Du wartest, bis jemand Dir sagt, ob alles in Ordnung ist. Dieses Gefühl des Ausgeliefertseins entsteht, weil wir gelernt haben, den Körper wie eine Maschine zu betrachten. Meine Vision ist ein partnerschaftliches Modell der Frauenheilkunde, das Körper, Psyche, Seele und Umwelt einbezieht. Dieses Modell nenne ich integrale Gynäkologie.
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Ich erinnere mich gut an eine Patientin, die ich kurz nach der Eröffnung meiner eigenen Praxis 2010 kennengelernt habe. Diese Frau, die vorher jahrzehntelang von einem Gynäkologen der alten Schule betreut worden war, schrieb mir im Nachhinein einen Brief. Darin verglich sie ihren Körper mit einem Auto, das zur Kontrolle in die Garage musste. Sie war partnerschaftliche Medizin nicht gewohnt. Dieser Brief hat mich seither nicht mehr losgelassen.
Was ist integrale Gynäkologie?
Für mich war klar: Ich wollte nicht nur Symptome „reparieren“. Ich wollte verstehen, was den Körper einer Frau tatsächlich ausmacht, als Ganzes und nicht als Ansammlung einzelner Teile. Deshalb spreche ich heute von integraler Gynäkologie: Körper, Gefühle, Seele, Beziehungen, Lebensphase und die Umwelt gehören zusammen. Wer diese Zusammenhänge versteht, kann eigene, informierte Entscheidungen treffen, statt nur Symptome zu bekämpfen.
Ein innovativer Ansatz
Der erste Schritt in Richtung Systemdenken auf meinem Forschungsweg war das Studium der Funktionellen Medizin. Ich war damals schon Fachärztin für operative Gynäkologie und niedergelassen in eigener Praxis. Meine Grundausbildung in Schulmedizin ist mir immer von grossem Nutzen gewesen, doch sie gab mir nicht das Verständnis, um die Symptome von Frauen wirklich einordnen zu können. Die Funktionelle Medizin hat Systemdenken und Individualität auf den Menschen als biologisches System übertragen. Das ist ihr grosses Verdienst, und gleichzeitig auch ihre grösste Beschränkung. Denn auch die Funktionelle Medizin beschränkt sich auf den Körper als geschlossenes System – was er aber nicht ist. Unterdessen sind Funktionelle Medizin und Mikronutrition sehr in Mode gekommen. Aber mit dem Verkaufen und Einnehmen von Supplementen ist es in den wenigsten Fällen getan.
Biomedizin ist sehr nützlich, vor allem wenn es wirklich um Physiologie geht, wie zum Beispiel in der Notfallmedizin. Ist der Notfall aber behoben, dann braucht es wieder den Blick aufs Ganze, um die komplexen Symptome von Frauen wirklich verstehen zu können.
Systembiologie ist grösser als die Physiologie des einzelnen. Alle Frauen wissen: Die Biologie des Menschen ist nicht nur auf das rein Physische beschränkt. Der Körper ist auch das Gefäss für Gefühle und Gedanken – auch das ist Biologie. Und Frauen wissen tief in ihrem Inneren, dass ihr Körper mit allem Lebendigen verbunden ist. Denn Leben ist vor allem Spüren, nicht Denken. Nur dank dem Körper können die Menschen fühlen, denken, sich erinnern und sich mit der Umwelt austauschen. Die Tatsache, dass der Körper mit allem verbunden ist, macht die Situation zwar komplex, gibt aber auch viele Möglichkeiten, dieses vernetzte Zusammenspiel zu unterstützen.
Versteht man Funktionelle Medizin nur auf der körperlichen Ebene, bleibt man im alten Modell der Biomedizin stecken. Dann bleibt der Körper eine Maschine.
Integrale Gynäkologie verbindet die Theorie der offenen Systeme mit Frauenheilkunde. Der Begriff steht für meine persönliche Synthese meines Verständnisses vom Funktionieren des weiblichen Körpers. Er steht für mein tiefes Verständnis von Frauenmedizin, basierend auf über dreissig Jahren Erfahrung.
Meine Haltung ist klar: Ich will Frauen nicht einfach Symptome wegnehmen, sondern ihnen helfen, sich selbst und ihren Körper zu verstehen. Das ist die Grundlage für eigene, informierte Entscheidungen.
Das Konzept: Der Mensch als offenes System
Integrale Gynäkologie ist eine neue Sprache und ein neues Denkmodell für Frauengesundheit. Zusammenhänge verstehen geht über das Finden von Ursachen hinaus. Individualisierte Entscheidungen sind mehr als aktuelle Therapieempfehlungen. Und Gesundheitskompetenz ist viel grösser als sogenannte Lebensstilmedizin, weil sie aus dem inneren Wissen der Frau entsteht.
Integrale Gynäkologie integriert und verbindet. Sie baut Brücken zwischen Wissenschaft und Menschsein, Leitlinien und Individualität, moderner Medizin und Naturverbundenheit. Alle Menschen, und Frauen insbesondere, wissen es: gewisse Dimensionen menschlicher Erfahrung lassen sich nicht vollständig messen. Frauen sind nicht verrückt, wenn ihre Symptome nicht den Lehrbüchern entsprechen. Vielmehr sollte es andersherum sein: Lehrbücher müssen sich endlich der menschlichen Erfahrung anpassen.
Lebendige, offene Systeme sind dynamisch, intelligent, nichtlinear, geordnet, selbstregulierend, und im dauernden Austausch mit allen anderen lebendigen Systemen. Auf Menschen übertragen heisst das, dass alle Menschen miteinander und mit der Welt verbunden sind, und zwar durch Materie, Energie und Information. Dafür hat 1977 Ilya Prigogine, für seine Arbeiten zur Thermodynamik von offenen Systemen, den Nobelpreis für Chemie erhalten.
Diese Sprache kannst Du lernen
Nicht aus Büchern, sondern mit Deinem eigenen Körper.
Beobachte Symptome nicht einzeln, sondern erforsche, was gleichzeitig auftritt: Schlaf, Zyklus, Verdauung, Stimmung, und Deine Lebenssituation.
Frag Dich bei jedem Symptom, womit es noch zusammenhängen könnte: körperlich, emotional, seelisch, im Alltag.
Nimm Schmerzen und Unwohlsein als Sprache Deines Körpers ernst, statt sie wegzudrücken.
Fazit:
Menschen empfinden, fühlen, reflektieren, sind in Beziehung zu sich selber, anderen Wesen und der Natur, und suchen nach Sinn, Bedeutung und Verbundenheit. Gesundheit entsteht aus dem Zusammenspiel all dieser Dimensionen. Heute habe ich Gewissheit: Menschen sind viel mehr als nur biologische Organismen. Und – alle Frauen wissen das. Frauen wissen auch, dass die Gesundheit der Erde die Gesundheit der Menschen bestimmt. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Frauenkörper brauchen einen sauberen Planeten. Und Frauen verdienen eine Medizin, die Zusammenhänge sichtbar macht und sie befähigt, eigenständig informierte Entscheidungen zu treffen. Schaffen wir gemeinsam die Frauenmedizin des 21. Jahrhunderts.
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